Liebe und Lust im Alter: (K)ein Tabu! Ein Selbstversuch

Liebe und Lust im Alter: (K)ein Tabu! Ein Selbstversuch

In der schillernden und schnelllebigen TV-Landschaft gibt es viel nackte Haut und junges Fleisch zu sehen. Mit sexy Werbung soll ein Produkt besser an den Mann und die Frau gebracht werden.
Jugendlichen wird ein völlig falsches Bild von Sexualität vermittelt. Was einstig das Intimste zwischen zwei liebenden Menschen war, gibt es heute an jeder Ecke. Von Bunga-Bunga-Parties über One-Night-Stands bis zum schnellen Sex auf öffentlichen Toiletten. Die Zeitschriften und Magazine von heute deklarieren die schönste Nebensache der Welt als „Sex-to-go“. Jeder kann ihn haben. Jeder muss ihn haben. Wer nicht „drin steckt“, ist out. Sex zu haben versteht sich doch von selbst.
Orgasmus hin oder her. Ist doch egal. Hauptsache man kann mitreden.
Man ist ja schließlich nur einmal jung…

Und was kommt dann? Je älter man wird, besinnt man sich auf die wichtigen Werte.
Ganz klar, Sex ist für eine Beziehung elementar. Sie stärkt die Bindung zwischen zwei Menschen und nicht zu verachten – Sex macht Spaß. Und Spaß ist erlaubt. Qualität, statt Quantität, steht bei vielen Paaren jedoch im Vordergrund. Sex darf schnell und wild sein. Sex darf zart und liebevoll sein.
Vor allem aber, sollte Sex keine Selbstverständlichkeit sein. Sex und Liebe ist kostbar.
Und man sollte sich diesen Schatz so lange wie möglich bewahren.

Für viele ältere Menschen ist es allerdings nicht so einfach mit der Sexualität. Auch sie sehnen sich nach Liebe und Lust im Alter, auch wenn es vielleicht nur wenige zugeben möchten. Die Frauen der Generation 70+ haben nur selten gelernt, ihren intimsten Gefühlen zu folgen und die Lust am Sex zu leben. Entgegen dieser Annahmen, hört man immer wieder, dass in Altenheimen „die Post abgehen soll“.

Ich möchte es genauer wissen und frage nach!

Es ist Freitagnachmittag. Zeit für Kaffee und Kuchen. Endlich habe ich eine Audienz in einem Seniorenheim erhalten beziehungsweise in einer Einrichtung, in der sich Senioren treffen, plaudern und gemeinsam Zeit bei einer Runde Rommé verbringen können. Es war gar nicht so einfach, an Gespräche mit den älteren Herrschaften zu kommen. Selbstverständlich habe ich die Heimleitung über mein journalistisches Vorhaben informiert und prompt eine Absage bekommen. Begründung: (…) Bei den Bewohnern unserer Seniorenresidenz besteht kein Interesse.
Das will ich genauer wissen, lasse Flyer mit meinem Vorhaben drucken und werfe sie in den Postkasten der Freizeiteinrichtung für Senioren. Eine Woche später bekomme ich tatsächlich einen Anruf. Man möchte mit mir sprechen.

Mit einem Blech Butterkuchen betrete ich das Seniorenzentrum und werde freudig begrüßt:
„Endlich lässt sich mal ein junger Mann blicken.“ „Und Kuchen hat er auch noch dabei!“,
raunt es durch die pastellfarbenen Räume der Einrichtung. Ich fühle mich schnell wohl.
Und doch hatte ich eine andere Vorstellung von so einem Seniorenzentrum: muffig, dunkel, alt.
Ich werde eines Bessern belehrt.

Ein kleines Grüppchen aus zwei Frauen und einem Mann hat sich in der Leseecke des Zentrums zusammengefunden. Die drei sind schon seit Jahren eng befreundet und haben daher kein Problem über ihre Sexualität zu sprechen. Wir sitzen im Halbkreis. Ich nenne meine Gesprächspartner Elsa, Ida und Franz. Sie baten mich, andere Namen für sie zu nehmen. Sie wollen ihre Enkel, die ja fit in Sachen Internet sind, nicht in die Bredouille bringen. Ich habe vollstes Verständnis.
Schließlich hatte ich nicht mal den Mut meine eigene Oma nach ihrer Sexualität zu fragen.

Wir machen Späßchen und sind längst beim Du. Ich falle also mit der Tür ins Haus.

Habt ihr noch Sex?
Elsa (72): „Na klar.“
Ida (78): „Seit der Emil vor 11 Jahren gestorben ist, ist das mit dem Sex so eine Sache.“
Franz (79, ein echter Spaßvogel): „Meine Pumpe oben sowie unten funktioniert noch. Zwar mit Einschränkungen, aber ich will mich nicht beklagen.“

Ich bin erstaunt über so viel Offenheit und habe damit ehrlich gesagt nicht gerechnet.
Die anfängliche Schamesröte verblasst langsam.

Ida, was meinst du genau mit, das mit dem Sex ist so eine Sache?
Ida: „Seit der Emil nicht mehr ist, hatte ich keinen Beischlaf mehr. Selbstverständlich verspüre  ich noch die Lust nach Liebe und Nähe, aber ich möchte mich einem anderen Mann sexuell nicht mehr öffnen.“

Kommt Sex-Spielzeug als Alternative für euch in Frage?
Elsa: „Es hat mich Überwindung gekostet, aber ich habe mir Liebeskugeln zugelegt. Ich habe schon länger Probleme mit der Blase. Meine junge Gynäkologin meinte, Beckenbodentraining kann die Blase stärken. Dann gab sie mir den Tipp mit den Kugeln. Das trainiert zusätzlich.“
Ida: „Ich weiß, es gibt Vibratoren, aber ich habe so etwas nicht. Ich bin ganz ehrlich, wenn mich die Lust überkommt, mache ich Liebe mit mir selbst.“
Franz: „Ich habe im Seniorenzentrum eine Freundin. Wie auf einer Klassenfahrt schleichen wir uns manchmal in das Zimmer des anderen. Das Personal ist sehr streng. Da muss man schon aufpassen.
Doch meine Lust, lasse ich mir nicht verbieten. Wir haben uns zusammen Gleitgel im Erotikladen gekauft. Man hat uns dort sehr freundlich beraten. Es war gar nicht peinlich. Vielmehr inspirierend.
Wir sind ja keine 25 mehr. Ich gebe zu, ich habe hin und wieder Probleme mit der Erektion. Meine Partnerin hat aber vollstes Verständnis für mich. Sie befriedigt mich Oral und ich verwöhne sie mit einem Vibrator. So haben wir beide etwas davon.“

Jetzt will ich es genau wissen.

Man sagt: je oller, je doller. Geht in Altenheimen die Post ab?
Elsa:
„Ich glaube pauschal kann man das nicht beantworten. Wir leben ja nicht in einem klassischen Altenheim. Wir haben uns für die Seniorenresidenz entschieden, weil dort alles altersgerecht eingerichtet ist. Es gibt Appartements und Wohngruppen. In den Altenheimen sind die Bewohner meist schon körperlich stark eingeschränkt. Sie können sich oft nicht mehr selbst waschen oder eigenständig essen. In der Seniorenresidenz haben wir Menschen, die ihren zweiten Frühling erleben und ich glaube, sie kosten ihn auch noch aktiv aus. So wie ich. Und es macht mich glücklich, noch mit 72 Jahren begehrenswert zu sein und Liebesbriefe zu bekommen.“
Ida: „Vielen ist es wichtig, im Alter nicht alleine zu sein. Sex ohne Liebe ist für mich unvorstellbar. Liebe ohne Sex jedoch möglich.“
Franz: „Ob da jetzt überall die Post abgeht kann ich nicht sagen, aber unter manchen Decken knistert es noch. Und das ist auch gut so.“

Eines ist mal klar: Auch im hohen Alter ist Sex durchaus kein Tabu. Doch von der Medien-Industrie wird Sex im Alter schnell mal unter den Teppich gekehrt. Warum ist das so?
Wir wollen Mädchen mit Knack-Popos und strammen Brüsten. Das verkauft sich gut.
Schämen wir uns etwa für die Bilder im Kopf, die unweigerlich entstehen, wenn wir uns runzelige Menschen beim Sex vorstellen? Peinlich sollte lediglich das Verhalten sein, wenn man so denkt.

Ich bin sprachlos und zugleich beeindruckt, dass mir fremde Menschen einen so intimen Einblick in ihr Leben gewährt haben. Für meine Zukunft nehme ich viel aus diesem Gespräch mit.
Meine Sicht der Dinge hat sich ebenfalls geändert: Alter Ältere Menschen sind nicht nur alt.
Sie sind liebenswert, witzig und hin und wieder auch frisch verliebt…

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